Juwel in Transformation

6. August 2010 von KommentierenEmpfehlen  

Gedanken zur Zukunftsgeschichte der Linzer TabakfabrikVerfasser: Lorenz Potocnik/Thomas Philipp/ umbauwerkstatt

Erschienen im Katalog Repair anlässlich der Ars Elektronica 2010.

Wir befinden uns in der seltenen Situation, dass ein Bauwerk durch seine historische und baugeschichtliche Bedeutung, seine Größe und Lage und den aktuellen Zustand der Brache Auswirkungen auf die gesamte Stadt, Stadtplanung und Stadtentwicklung hat. Zur Diskussion und Disposition steht ein Ensemble aus Industriebauwerken mit rund 80.000 Quadratmetern Nutzfläche auf mehreren Ebenen. Entworfen und errichtet von den Architekten Peter Behrens und Alexander Popp in den Jahren 1929 bis 1935 gelten die Industriebauten als eine der konsequentesten in der internationalen Moderne. Das geschichtsträchtige und einzigartige Ensemble ist denkmalgeschützt.

Linzer Nachnutzungsspiele auf japanische Trauermusik

Die Übernahme des britischen Tabakkonzerns Gallaher, damaliger Mutterkonzern der Linzer Tabakfabrik, durch den drittgrößten Tabakkonzern der Welt, JTI Japan Tobacco International, bedeutete im April 2007 den Anfang vom Ende einer 160-jährigen Geschichte. Nur wenige Monate später verkündete JTI die österreichische Tabakproduktion auf das Werk in Hainburg konzentrieren zu wollen und die Fabrik in Linz bis Ende 2009 zu schließen. Hauptgrund: der weit reichende Denkmalschutz der Linzer Tabakfabrik und der damit verbundene hohe Investitionsbedarf in die Gebäudestruktur. Das Ende der Produktion in Linz brachte auch den Verlust von insgesamt 275 Arbeitsplätzen.

Für die Stadtpolitik ergab sich durch die Ankündigung des Produktionsendes, das schlussendlich mit Ende September 2009 eintrat, neben der arbeitsmarktpolitischen Hiobsbotschaft auch ein stadtplanerisches Problem. Das 38.148 Quadratmeter große Fabrikareal mit rund 80.000 Quadratmetern Nutzfläche auf mehreren Ebenen liegt nicht nur relativ zentral, sondern ist von herausragender architektur-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Bedeutung für Linz. Einer Überlassung des Gebäudebestands an private Investoren – Interesse bekundete beispielsweise ein deutscher Handelskonzern – stand die regierende Sozialdemokratie kritisch gegenüber. Es bestand quasi Kaufzwang.

Die Größe des Bauwerks bzw. Areals und damit einhergehend die Frage, ob eine Investition in dieser Dimension für eine kleine Großstadt wie Linz überhaupt tragbar sei (Kauf, Sanierung, Einrichtung, Betrieb) – noch dazu angesichts der aufkommenden Finanz- und Wirtschaftskrise – löste allerdings Kopfzerbrechen bei den politischen EntscheidungsträgerInnen aus. Außerdem kam die Entscheidung zur Einstellung der Produktion trotz allem relativ überraschend, Pläne für etwaige Nachnutzungen des Gebäudekomplexes gab es nicht.

Nachdem JTI im Februar 2009 die Entscheidung zum Verkauf der Tabakfabrik an die Stadt traf, beschloss diese vier Monate später den Kauf und die Gründung einer Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft für die künftige Nutzung. Die städtische Immobiliengesellschaft ILG erwarb das Fabrikareal und den Gebäudebestand zum Preis von 20,4 Millionen Euro. Damit begann die Diskussion über die Zwischen- und Nachnutzung. Die Rede war von Spielraum für die Stadtentwicklung, erste Nutzungsüberlegungen drangen an die Öffentlichkeit. Vom Institut für Organisation der Johannes Kepler Universität Linz wurde eine Vorstudie erstellt, die drei mögliche Nutzungsszenarien skizziert: Kreativstadt, Exzellenz sowie Jugend, Toleranz und Material. Eine freie Initiative unter dem Titel „Kulturfabrik Tabakwerke“ will das Areal als Kulturzentrum für freischaffende KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen nutzen. Die bereits zwischen 1995 und 2005 im Pfeifentabakfabrikationsgebäude (Bau II) beheimatete Kunstuniversität wird immer wieder ins Nutzungsspiel gebracht, obwohl sie selbst beständig abwinkt. Es herrscht nebulose Einigkeit, dass sich eine Jahrhundertchance für die Stadt ergibt. Ein konkreter Vorschlag, wie ein Gesamtprozess in Gang gebracht werden könnte, der eine nachhaltige Nachnutzung sicherstellen kann, lässt allerdings auf sich warten. In der Zwischenzeit wird sich lieber der Frage zugewandt, wie eine adäquate Zwischennutzung aussehen könnte.

Ein pulsierender Taktmacher für Linz

Das in seiner Größe und insbesondere im Verhältnis zu Linz riesige Bauwerk ist vorläufig nur in seiner ehemaligen Funktion als industrielle Produktionsstätte erklär- und lesbar. Die nötige Umdeutung und der erforderliche Umbau zu einer vielschichtigen und sich immer wieder wandelnden, neuen Bestimmung bedingen eine jahrelange Planung und Entwicklung. Dieser Prozess ist ein umfassender und muss auf gesamt-städtebaulicher Ebene stattfinden.

Die Tabakfabrik Linz hat Bedeutung weit über das unmittelbare Umfeld hinaus und birgt das Potenzial in sich, zu einem pulsierenden Stadtteil und einem Taktmacher für eine langfristige Stadtplanung zu werden. Plötzlich wird ein bisher geschlossenes und abgekapseltes Areal geöffnet, vollkommen neue Bezüge werden hergestellt: zu der altersschwachen, aber schwer aus dem Stadtbild wegzudenkenden Eisenbahnbrücke, dem angrenzenden alten Schlachthof, den umliegenden Gewerbegebieten, einer geplanten zweiten Straßenbahnachse, den umliegenden Wohngebieten, der verkehrsstarken Donaulände, der vorläufig eher gewünschten denn realen „Kulturmeile“ und natürlich dem Hafen als wichtiges, langfristiges Entwicklungsgebiet.

Eine umfassende Entwicklungsarbeit kann – aus systemimmanenten Gründen – nur zum Teil durch die Linzer Stadtplanung selbst erfolgen. Ihre Rolle ist in diesem Zusammenhang zu überdenken: In erster Linie muss sie über strategische und prozessuale Kompetenz mehr Handlungs- und Steuereffizienz erreichen. Die Entwicklung der Tabakfabrik ist ideal, um daran zu arbeiten und gehört zum Wertvollsten, was die Stadt in dieser Hinsicht zu bieten hat. Die integrierte Lage der ehemaligen Fabrik verspricht einen wichtigen Strukturimpuls für das erweiterte Zentrum der Stadt. Die hohe soziale Komplexität der Transformation und das identitätsstiftende Moment des Bauwerks erfordern einen qualitativen und offenen Prozess. Diese Offenheit muss unbedingt auch den Faktor Zeit beinhalten, d. h. Entwicklungsspielräume schon im Konzept verbürgen, um „Ausreifezeiten“ zu ermöglichen und nicht in einen Reparaturpragmatismus zu verfallen. So können schwer zu korrigierende bauliche Maßnahmen und Investitionen vermieden werden.

Relikte des Industriezeitalters: die Normalität von Leerständen

Die Linzer Tabakfabrik ist kein Einzelfall: Es gibt europaweit unzählige, vergleichbare Objekte und Flächen, die nach Ende des Betriebs in zentraler städtischer Lage frei werden. Sogenannte „brown fields“ umfassen u. a. Industrie- und Gewerbebrachen, Bahnhöfe, militärische Areale oder Häfen. Allen ist gemeinsam, dass sie im Zuge des postindustriellen Strukturwandels und der ökonomischen Globalisierung entweder nicht mehr benötigt oder aus den schwierigen und teuren zentralen Lagen an die Ränder der Städte oder an Verkehrsknotenpunkte verlagert werden.

Dieser Wandel ist allerdings nicht bloß ein ökonomischer, in dem es um Standorte und Produktion geht, sondern eine umfassende Veränderung der Gesellschaft, der Arbeitsformen und Lebenskonzepte. Wird das Phänomen einmal verdeutlicht, kann Bewusstsein für diese gesellschaftlichen Umbrüche geschaffen und damit wichtiger Handlungsspielraum für Linz aufgezeigt werden. Im Zuge dieses Wandels gibt es wenig festzuhalten oder kurzfristig zu retten. Das Thema der frei werdenden Produktionsstätten beschäftigt uns in Wirklichkeit seit mittlerweile 20 Jahren und wird uns auch noch – insbesondere in Industriestädten wie Linz – die nächsten Jahrzehnte beschäftigen. Anstatt eines kurzfristigen Reparaturpragmatismus sollte dabei alle Kraft und jeglicher Innovationsgeist darauf verwendet werden, derartige Räume aktiv für eine tragfähige Zukunft zu gestalten.

Damit angesprochen ist auch ein anderes Planungsverständnis. Gefragt sind langfristiges Denken und offenes Planen. Ein Blick nach Zürich zeigt die Richtung. Innerhalb einer kooperativen Planung tritt die Stadt mediatorisch auf und erreicht gerade dadurch größtmöglichen Einfluss im Interesse der gesamten Bevölkerung. Szenarien und Etappen, Regelwerke, Leitlinien, klare Zieldefinitionen, ein möglichst frühes Zusammenbringen aller AkteurInnen an einen Tisch, die Produktion von städtebaulichen Ideen durch Einladung von Teams in einer sehr frühen Phase und BürgerInnenbeteiligungen sind zwar nicht die schnellsten Methoden der Entwicklung, dafür aber von langer ebensdauer. Durch diese frühe, grundsätzliche und kooperative Auseinandersetzung werden sowohl visionäre Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt als auch Bewusstsein und Legitimation für weitreichende, zukunftsfähige Entscheidungen geschaffen. Im Sinne dieser Methodik sollte ein auf die Tabakfabrik zugeschnittenes Linzer Modell entwickelt werden.

Eine Zwischennutzung ist dabei nur scheinbar ein Widerspruch zu Langfristigkeit: gut programmiert und moderiert ist sie in Wirklichkeit ein informelles Instrument der Stadtentwicklung. Sie ist unumgänglich im Bestreben, das Bauwerk zu öffnen und Möglichkeiten der Aneignung und positiven Besetzung zu geben. Zwischennutzung schafft Zeit und neue Zugänge im Sinne eines „Plan lernt vom Projekt“. Unbedingt zu vermeiden ist in diesem Zusammenhang allerdings ein längerer und somit kostenintensiver und imageschädigender Leerstand.

Echtzeitforschung am lebenden Objekt

Wie kann der Transformationsprozess zeitlich und räumlich strukturiert werden? Welche Planungsmethoden können angewandt werden? Welche Möglichkeiten einer zukunftsfähigen Entwicklung des Areals ergeben sich? Welche Folgen resultieren aus denkbaren Entscheidungen? Wie kann internationale Erfahrung in der Revitalisierung von großen, postindustriellen Leerständen für Linz und die Tabakfabrik genutzt werden? Welches Narrativ muss generiert werden, damit eine Vision für die Linzer Tabakfabrik von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen wird und Enthusiasmus und Engagement für das Unternehmen entsteht?

Das architekturforum oberösterreich hat zur Beantwortung dieser und anderer Fragen die Initiative „umbauwerkstatt-ATW“ entwickelt und sich zum Ziel gesetzt, Entscheidungsgrundlagen für die weiteren Schritte der Revitalisierung zu schaffen. Ausgelagert wie ein Think Tank, aber in enger Zusammenarbeit mit der Stadt, will ein interdisziplinäres Team internationale Symposien über Strategien für die Transformation von Industriebrachen organisieren, den Diskurs in Linz über Stadtentwicklung in der postindustriellen Gesellschaft vorantreiben und damit insgesamt die EntscheidungsträgerInnen beraten. Die erste, rund 1½-jährige grundlegende Phase hat bereits im Herbst 2009 begonnen.

Das architekturforum oberösterreich hat etwa im Rahmen der umbauwerkstatt-ATW eine Ausstellung unter dem Titel „reclaiming space“ über Leerstände und Initiativen der Aneignung in Linz und anderen europäischen Städten organisiert oder eine Kooperation mit den Studienrichtungen Architektur und Urbanistik sowie Experimentelle Gestaltung der Kunstuniversität Linz initiiert, bei der StudentInnen städtebauliche Überlegungen zur Tabakfabrik und künstlerische Interventionen vor Ort durchgeführt haben. Die umbauwerkstatt-ATW soll sich in weiterer Folge in Form eines Schaulabors verdichten. Dieses Labor würde vor Ort „Echtzeitforschung am lebenden Objekt“ bieten und ist als temporäres Atelier und Steuerzentrale eines pulsierenden und offenen Prozesses gedacht, bei dem möglichst viele relevante AkteurInnen der Stadt vernetzt werden. In einem Team aus ArchitektInnen, StadtplanerInnen und Sozial – und KulturwissenschafterInnen soll „rund um die Uhr“ vor Ort über verschiedene Szenarien für die Tabakfabrik und die Stadt diskutiert werden und eine Ausstellung über die Umbauvisionen zur Tabakfabrik und international vergleichbare Umbauprojekte wachsen. Ergebnisse werden permanent und unmittelbar vor Ort in Form von Modellen, Plänen, Ideensplittern, Mindmaps oder Skizzen und über einen entsprechenden Blog kommuniziert. In einem Strategie-Handbuch für die Stadt werden Erkenntnisse gebündelt, die insbesondere zur Entscheidungsvorbereitung dienen.

Die Aktivitäten des Ars Electronica Festivals in der Tabakfabrik und die Eröffnung der unmittelbar darauf folgenden Ausstellung über die Geschichte der Austria Tabakwerke im Stadtmuseum Nordico bringt im Herbst 2010 nach einer Zeit des Stillstands eine erste Dynamik in die Entwicklung. Im Zusammenspiel mit den Überlegungen und Aktivitäten des architekturforum oberösterreich rund um die Zukunft der Tabakfabrik ist eine einzigartige Verdichtung möglich, um die substanzielle Entwicklung dieses Juwels zu beginnen. Der Schwung ist zu nutzen. Die Geschichte der Transformation ist zu erzählen. Am besten ab jetzt.

 

 

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