Exkurs Tübingen

13. Juli 2012 von KommentierenEmpfehlen  

Wie hier aus dem Artikel in den Nachrichten zitiert, ist auf dem Areal des Schlachthofs im Falle einer Absiedelung “ein urbaner Nutzungsmix und Wohnen mit städtischer Verdichtung” geplant. Genau für eine derartige Stadterweiterung wurde die Tübinger Südstadt mehrfach ausgezeichnet, etwa 2001 mit dem Deutschen Städtebaupreis oder im folgenden Jahr mit dem Europäischen Städtebaupreis. umbauwerkstatt hat Tübingen besucht und sich die Stadtteile angeschaut.

Foto: Bing Maps

Foto: Bing Maps

Auf diese beiden innerstädtischen Stadterweiterungen Französisches Viertel und Loretto Areal bezieht sich auch Lorenz Potocnik in dem Interview in den Nachrichten der letzten Woche. Die neuen Stadtteile entstanden auf dem Gelände der ehemaligen Garnisonsstadt, nachdem die französische Armee von diesem Gelände 1991 abgezogen wurde.

Unter dem Schlagwort Quartier der kurzen Wege wurde die Planung des 65 Hektar großen Areals von Anfang an vom Stadtsanierungsamt unter der Leitung von Andreas Feldtkeller darauf ausgerichtet, Stadt weiter zu bauen. Also ein lebendiges und alltagstaugliches Stadtquartier, eine städtische, funktional und sozial heterogene Mischung. Konkret heißt das, Wohnen, Nahversorgung, Kultur und Gewerbe in urbaner Dichte eng miteinander zu verbinden, indem die ehemalige Militärliegenschaft dezidiert als Mischgebiet ausgewiesen wurde.

Foto: Stadt Tübingen

Foto: Stadt Tübingen

Ein Großteil der ehemaligen Militärgebäude wurde adaptiert, auch wenn sie nicht die Rentabilität einer Neubebauung aufweisen. Sie bieten dafür günstigen Wohnraum für Pioniernutzer in Eigenausbau oder etwa Raum für Gewerbeeinrichtungen mit hohem Raumbedarf oder für ein Studentenheim. Die ehemalige Panzerhalle ist heute Treffpunkt und Basketballplatz. Gerade bezüglich einer gemeinsamen Stadtteilgeschichte und der zeitlichen und maßstäblichen Durchmischung des Quartiers ist die Nutzung des Altbestands unbezahlbar.

Foto: Lorenz Potocnik

Foto: Lorenz Potocnik

Diese Altbauten waren auch ausschlaggebend für die städtebauliche Struktur des Viertels, die Zwischenräume wurden kleinteilig parzelliert und vornehmlich an private NutzerInnen und Baugruppen verkauft.

„Familien, Singles, Gewerbetreibende, aber auch Investoren für Mietflächen schließen sich zusammen, um gemeinsam ein Gebäude zu errichten. Die Gruppen erhalten eine Grundstücksoption, beauftragen einen Planer und bauen zum reellen Herstellungspreis, nicht zu einem vom Bauträger festgelegten Marktpreis.“
Cord Soehlke, „Städtische Strukturen statt Siedlungsidylle,“ Der Teckbote, 02.10.2007.

Diese bewusste Entscheidung folgte der Erfahrung, dass „kurze Wege im Alltagsleben, unmittelbares Eingehen auf vielfältige Nutzerinteressen (…) leere Versprechen [bleiben], solange große Entwickler ihre eigenen kurzfristigen Verwertungsinteressen verfolgen“ (Andreas Feldtkeller in Arch+ 180, S.117). Die Bürgerbeteiligung wird als ein wesentlicher Punkt der Stadtweiterentwicklung angesehen. Durch die Beteiligung am Planungsprozess und an der Umsetzung entsteht eine hohe Verbindung und Identifikation mit dem Viertel. Die Grundstücke werden nicht an den Höchstbietenden, sondern aufgrund eines schlüssigen Nutzungskonzept direkt an die Bauwilligen vergeben. Neben einer Planungsgruppe für die Außenraumgestaltung werden auch die Gewerbebetriebe durch die Baugruppen angeworben. Die Stadt bietet Räume für Arbeitsgruppen und hat ein Stadtteilbüro errichtet.

„Die Menschen sind bereit, ein solches Projekt mitzutragen, wenn man sie nicht als Konsumenten betrachtet, sondern sie selbst machen lässt.“
Andreas Feldtkeller in Eckehard Janofske, „Spielräume für selbstverantwortliches Handeln,“ in von unten / von oben – Lebensräume zwischen Planung und Selbstregulierung, 85.

Der Grundtypus der Bebauung ist ein Stadthaus mit Gewerbe im EG und Wohnnutzung in den oberen Etagen, dabei ist jegliches nicht störendes Gewerbe zulässig. Die drei- bis fünfgeschossigen Gebäude bilden eine Blockrandbebauung, wobei jeder Block eine Lücke, also mindestens eine unbebaute Parzelle aufweist, um die Abgeschlossenheit zu durchbrechen.

Foto: Stefan Groh

Foto: Stefan Groh

Neben der Direktvergabe der Bauparzellen an die Endnutzer und somit einer hohen Beteiligung bei der Entwicklung des Quartiers, werden auch die Hofbereiche von den Bewohnern der angrenzenden Gebäude selbst gestaltet und getragen.

Foto: Lorenz Potocnik

Foto: Lorenz Potocnik

Dem öffentlichen Raum im Quartier kommt auch aufgrund der Dichte in der Bebauung eine wichtige Rolle zu, er wurde daher bewußt von starker Verkehrsbelastung befreit. Drei Buslinien queren das Viertel, die Bewohner bewegen sich hauptsächlich mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Auch ist direkt vor den Häusern nur kurzes Halten erlaubt, dafür stehen im Quartier zwei große Parkgaragen zur Verfügung, die in wenigen Gehminuten erreichbar sind.

„Weder hat sich hier der soziale Brennpunkt entwickelt, was viele aufgrund der hohen Dichte befürchteten, noch die „grüne Hölle“, von der der Spiegel in diesem Jahr schrieb. De facto funktioniert das Viertel nicht besser und nicht schlechter als ein Berliner Altbauquartier – und von welchem Neubauquartier kann man das schon behaupten?“
Brigitte Schulz, „Die Tübinger Südstadt,“ Bauwelt 1-2 (2012): 23.

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