Martina Baum: „Von Industriebrachen zu urbanen Orten“

13. November 2010 von KommentierenEmpfehlen  

Mitschrift des Vortrags im Rahmen des Symposiums prepare!

Dr. Martina Baum ist Architektin und Stadtplanerin. Sie studierte Architektur an der FH Coburg sowie Europäische Urbanistik an der Bauhaus Universität Weimar und promovierte anschließend berufsbegleitend an der Universität Karlsruhe. Sie arbeitet als Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Architektur und Städtebau der ETH Zürich sowie als Planerin und Beraterin in ihrem Büro STUDIO . URBANE STRATEGIEN.

Martina Baum

Martina Baum, Foto: umbauwerkstatt

Dieser Vortrag verbindet die Arbeiten ihres Büros und ihre theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema der Revitalisierung von Industriebrachen. Viel davon ist in ihrem Buch Urbane Orte nachzulesen.

Zum Thema „Von Industriebrachen zu urbanen Orten“ gibt es mittlerweile in beinahe jeder Stadt Beispiele von Um- bzw. Zwischennutzung von so genannten „brown fields“, die im Zuge des Strukturwandels von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft entstanden sind. Martina Baum begibt sich in ausgewählten zwischen- oder umgenutzten Konversionsflächen auf die Suche nach Urbanität, einen der wohl populärsten Begriffe der Stadtplanung.

Die wissenschaftlich durchgeführten Untersuchungen stellen die Transformationsstrategien dar und spüren Parameter und Akteure auf, die eine gelungene Umwandlung dieser Orte ausmachen. Dabei reichen die Nutzungen von Ateliers in Fabriken, Friseursalons im ehemaligen Plattenbau, Jazzklub im Lagerschuppen bis zum Buchladen in einer ehemaligen Metzgerei, wobei im gleichen Maß der Außenraum und das größere Umfeld eine Rolle spielt. Die Transformation ist demnach nicht nur eine Änderung der Nutzung sondern betrifft auch eine soziale, atmosphärische Dimension die weit über die Arealgrenzen und die Stadtgrenzen hinaus wirksam ist.

Grafik: Martina Baum, ETH Zürich

Grafik: Martina Baum, ETH Zürich

Mit den Beispielen wie dem „Kunstpark Ost“ in München, der „Baumwollspinnerei Leipzig“, dem „Gundeldinger Feld“ in Basel oder dem „Canada Destillery District“, lag der Fokus bei der Auswahl auf Arealen mit gezielter Weiterentwicklung des baulichen Potentials zu umfassend urbanen Orten anstatt musealer Lösungen.

Es handelt sich um Areale, also um Gebiete mit der entscheidenden Größe und dem notwendigen Möglichkeitsraum, der die entsprechende Offenheit für Entwicklung bietet. Alle Areale befanden sich ursprünglich am Rande der Stadt, meist abgeschlossen und doch bekannt und identifizierbar. Die Geschichte mit all ihren Veränderungen erzeugt einen symbolischen Gehalt, gepaart mit architektonischen, geschichtlichen, kulturellen und ideellen Werten. Bei allen Beispielen wurde nicht museal konserviert, sondern die Geschichte weitergeführt.

Bauliche Strukturen entsprechen den Logiken des Industriebaus, enthalten aber auch klassische öffentliche Elemente wie Platz oder Strasse. Essentiell sind Gastronomie, Aussenräume, also Kommunikationsräume, temporäre Nutzungen, eine Nutzung möglichst rund um die Uhr und ein guter Branchenmix mit Synergieeffekten, sowie ein Bekenntnis zur Öffentlichkeit und Austausch durch öffentliche Veranstaltungen.Die zentralen Fragen sind:

Wie bringt man Menschen auf das Areal? Wie öffnet man das Areal?

Abhängig von der Raumstruktur sind unterschiedliche Nutzungen möglich, das besondere an diesen Konversionsflächen ist die Vielschichtigkeit der Nutzungsmöglichkeiten. Es ist unmöglich eine Aussage für eine ideale Nutzung zu treffen: wesentlich ist die Nutzungsmischung per se, die je nach Kontext und lokaler Situation variiert.

Laut der durchgeführten Interviews schätzen die Nutzer, die aus allen Bereichen kommen können, vor allem die Atmosphäre: diese ist einerseits auf die alten Baustrukturen zurückzuführen andererseits aber (und im gleichen Maße) auf die unterschiedlichen Nutzer und die damit erreichte dichte Unterschiedlichkeit. So darf es beispielsweise nicht hinderlich sein, dass unterschiedliche Nutzergruppen unterschiedlich viel investieren. Neben dem finanziellen Aspekt sollte der Nutzen für die Gemeinschaft, d.h. für die Stadt ausschlaggebend sein.

Entscheidend sind Betreiber und inhaltliche Initiatoren, die ständige Ansprechpartner und Prozessbegleiter sein müssen. Bei allen untersuchten Beispielen weisen die Betreiber eine enge Verbundenheit mit dem Areal auf. Sie sind vor Ort ansässig und verfolgen nicht nur kurzfristig monetäre Interessen, sondern agieren auf einer „Metaebene“ in den Rollen eines Bürgermeisters, Managers und Hausmeisters. Ebenso wurden die meisten Immobilien der untersuchten Areale nicht verkauft, sondern vermietet und sind in sich rentabel.

Bei den untersuchten Nutzergruppen ist es auffallend, dass verstärkt Akademiker angezogen werden, weiters Autodidakten, aber auch ausgebildete Handwerker. Beim Altersspektrum ist die Gruppe Mitte 30 vorherrschend. Die Gründe des Zuzuges sind vor allem „weiche“ Faktoren wie die schon erwähnte Atmosphäre und das örtliche Netzwerk. Bei den „harten“ Faktoren ist natürlich auch der Preis ausschlaggebend. Diese Nutzer prägen das Bild des jeweiligen Areals und tragen dieses auch nach außen. Sie identifizieren sich überdurchschnittlich hoch mit dem Areal, was vor allem hinsichtlich einer fruchtbaren Selbstverantwortung wichtig ist. Erfahrung zeigt, dass solche  Akteure die Bereitschaft mitbringen, sich für die Interessen des Gebiets und der Gemeinschaft einzusetzen.

Martina Baum vertieft ihre getroffenen Aussage konkret anhand des Beispiels des alten Schlachthofes in Karlsruhe:

Hompage: http://alterschlachthof-karlsruhe.de/

Hompage: http://alterschlachthof-karlsruhe.de/

Dabei handelt es sich um einen ablesbaren Stadtbaustein mit hoher architektonischer Qualität. Das Ensemble besteht aus ungerichteten Pavillonbauten, die insgesamt durch eine Mauer abgeschlossen werden. Das Areal, ursprünglich am Stadtrand angesiedelt, befindet sich nun aber inmitten der Stadt. Die ersten Pioniernutzungen siedelten sich bereits vor der Schließung des Schlachtbetriebes in freiwerdenden Nischen des Areals an. Nach der Absiedelung des gesamten Betriebs sollte ein Areal für Künstler und Kreative entstehen. Hierbei ist es wichtig, dass über den langen Zeitraum der Entwicklung (10 – 15 Jahre) die Ziele nicht aus den Augen verloren gehen und klare Bilder vorhanden sind, über die diskutiert werden kann.

In einem städtebauliche Rahmenplan werden daher aus scheinbar problematischen Aspekten Potentiale entwickelt. Die bisher abschliessende Außenmauer wird gezielt durchbrochen und überbaut. Die vorherrschende Versiegelung des Bodens wird mit mobilen Grünelementen entschärft. Bei diesen Massnahmen handelt es sich nicht um einen klassischen Masterplan, sondern um eine strategische Planung mit Leitlinien, um auf in den nächsten 10 bis 15 Jahren zu erwartende Eventualitäten reagieren zu können.  Hier wird also – um Urbanität so langsam wie nötig aber so schnell wie möglich zu schaffen – ein Denken in unterschiedlichen Szenerien praktiziert. Diese sind im Laufe des Prozesses anpassbar und spiegeln sich in der formellen Bauleitplanung wider.

Grafik: Martina Baum, ETH Zürich

Grafik: Martina Baum, ETH Zürich

Akteure des Projektes „Schlachthof“ sind die Politik, die Nutzer, die Betreiber, aber auch die Medien und die Bürger generell.

Folgende Empfehlungen gab Martina Baum bei der Entwicklung der Tabakfabrik mit auf den Weg:

  • Kenntnis des Ortes und der Qualitäten unumgänglich
  • Vision nicht nur dazu dar ein Ziel zu definieren, sondern vor allem um ein Bild zu produzieren hinter dem man sich versammeln und über dass man diskutieren kann.
  • Städtebaulicher Entwurf der in den Kontext hinein reicht und der in eine formelle Bauleitplanung überführt wird.
  • Einbindung aller Akteure (in moderierter Form)

Der Planer muss der unabhängige Garant für Qualität sein, und ist somit über seine Grundaufgabe hinaus auch Mediator und Anwalt.

Das Buch Urbane Orte ist hier als .pdf downloadbar.

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